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Anlass war die erste heilige Kommunion im April 1944. Meine Mutter hatte einen dunkelblauen Kommunionanzug beschaffen können, natürlich mit kurzer Hose wie damals üblich. Dazu musste man dann kratzige lange Wollstrümpfe anziehen. Dann entstand die Idee, dazu einen weißen Pullover zu stricken. Also wurde Schafwolle gekauft, gewaschen und getrocknet und musste nur noch gesponnen werden. Für ihr handwerklich ausgezeichnetes Spinnen waren die beiden Schwestern  “Tambiuren”  im Dorf bekannt. Ich durfte mitgehen ihnen die Wolle vorbeizubringen.

Es war ein altes Bauernhaus am südlichen Rand des Unterdorfes. Fachwerk, eine große Deele, rechts und links Ställe und am Ende die Wohnräume. Wenn man das Haus betrat, roch es sehr streng, besser gesagt es stank. Die Ursache war der Ziegenbock. Wenn man dann im hinteren Bereich in die Wohnküche kam, roch es nicht mehr so stark. Oder hatte ich mich an den Geruch schon gewöhnt? Vor der Küchentür lag ein Baumstamm, eine Bügelsäge steckte noch. Wahrscheinlich sägte man immer je nach Bedarf ein Stück zum Feuern davon ab. Die Einrichtung: ein großer Tisch, zwei Stühle, eine Bank, ein Schrank, ein Küchenherd und ein Spinnrad. Das alles war unglaublich schmutzig.  Vor den Fenstern keine Gardinen sondern dicke Spinnweben, überall Essensreste, auf dem Tisch gackernde Hühner, die auch ganz ungeniert auf den Tisch kackten.

Die beiden Frauen sahen sehr alt aus und  hatten sehr schmutzige Hände. Auch die Gesichter schienen nicht häufig mit Wasser in Berührung zu kommen. Das Ganze für mich etwas beängstigend, und meine Hoffnung auf einen weißen Pullover schwand dahin. Dann wurde das Gespräch, wann die Wolle fertig sei, unterbrochen weil von der Deele Ziegengemecker zu hören war. Die alte Frau ging raus und wir saßen allein in der Küche, d.h. mit den Hühnern und einer Katze. Von draußen eine Männerstimme, Türenschlagen lautes Gemecker und  viel Lärm: der Mann hatte seine Ziege zum decken gebracht.
Der gute Ausgang der Geschichte, nach einer Woche war die Wolle gesponnen und meine Mutter konnte den Pullover stricken. Am Weißen Sonntag trug ich ihn dann ganz stolz, auch wenn er ein wenig kratzte. Meine starke Abneigung, Wolle direkt auf der Haut zu tragen, hat sich aber bis heute nicht gelegt.

P.S.: Wochen später stand ich bei Lerch im Laden, um ein Brot zu kaufen. Der Laden war ziemlich voll. Die Tür ging auf und eine der Schwestern trat ein. Sie ging auf die Ladentheke zu, und alle wichen zur Seite. Sie kam sofort dran, stellte eine rostige Konservendose auf die Theke und kaufte Marmelade. Erst als sie raus war, setzten die Gespräche wieder ein. Das war meine zweite „Begegnung der unheimlichen Art“.